Herr S. im LCD-Dschungel
Der Flachbildschirm, das unbekannte Wesen
Benjamin Schnitzler
Wertfreie Millisekunden: Die Reaktionszeit
Das Leben von Herrn S. besteht nicht bloß aus Arbeit. In seiner Freizeit zockt er gerne mal das ein oder andere Spielchen, sieht sich zur Entspannung ein paar Videos an, oder nutzt den digitalen Fernsehempfang seiner TV-Karte. Nachdem er eine halbe Stunde auf dessen Hilfe warten musste, teilt der freundliche Verkäufer eines großen Elektronik-Supermarkts ihm mit, dass dabei die Reaktionszeit des TFT-Monitors entscheidend sei. Der in Tausendstel Sekunden (Millisekunden, ms) angegebene Wert gibt Auskunft darüber, wie schnell der Flachbildschirm auf Bildwechsel reagiert.
Denn wegen ihrer zähen Beschaffenheit brauchen Flüssigkeitskristalle dafür erheblich mehr Zeit als die scheinbar mühelos umherflitzenden Elektronen eines CRT-Monitors. Kann das LCD bei schnellen Spiel- und Filmszenen nicht Schritt halten, kommt es zu unliebsamen Nebeneffekten. Schlieren lassen das Bild dann verschmiert und unruhig erscheinen. Wer lediglich im Internet surft, E-Mails schreibt, Bildbearbeitung betreibt oder sich mit Büro-Software auseinandersetzt, kann schon mit einer Schaltgeschwindigkeit von 30 Millisekunden glücklich werden.
Grauzone: Stunde der Wahrheit erst im August
Herr S. will mehr über die anscheinend so wichtige Reaktionszeit wissen. Beim tiefer schürfenden Erkundungsgang findet er heraus, dass für deren Messung noch keine festen Regeln existieren. Jeder Monitorhersteller kann hier sein ganz eigenes Süppchen kochen - ob es dem Kunden nun schmeckt oder nicht. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit galt die Angabe des Wechsels von Schwarz auf Weiß und wieder zurück als Standard. Mittlerweile gehen einige Produzenten dazu über, die Zeit für den schneller absolvierten Wechsel zwischen verschiedenen Graustufen (Grau zu Grau) anzugeben.
In beiden Fällen bleibt es ein wohl gehütetes Geheimis, mit welchem Verfahren bei der Messung gearbeitet wurde. Herr S. wird skeptisch und fragt sich zu Recht, weshalb an dieser Stelle niemand an die Farben denkt, die das Monitorbild doch letztendlich erst interessant machen. Er beschließt, die Millisekunden ab sofort einfach völlig außer Acht zu lassen - zumindest bis August 2005. Dann will das Gremium der VESA (Video Electronics Standard Association) dem Rätselraten endlich ein Ende bereiten und jedem Hersteller ein einheitliches Messverfahren mit festgelegten Wechseln vor die Nase setzen.
Wichtige Abkürzungen: MVA, PVA, IPS und TN
Herr S. weiß zwar inzwischen mehr über Flachbildschirme als seine Familie, Freunde, Bekannten und Arbeitskollegen, wähnt sich aber weiter von seinem eigentlichen Ziel entfernt als zuvor. Er ist verunsichert und fühlt sich von den LCD-Anbietern über den Tisch gezogen. Mehr durch Zufall stößt er hin und wieder auf scheinbar nebensächliche Kürzel wie "MVA", "PVA", "IPS" und "TN", die eng mit der Bezeichnung "Panel" verknüpft sind. Als ihm endlich aufgeht, dass diese mit zum Teil völlig unterschiedlichen Merkmalen einhergehen, setzt er sich stärker mit den kryptischen Abkürzungen auseinander.
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