Es gibt keinen technischen Grund MP3 abzulösen
Bernhard Grill im Interview: "Jeder versucht MP3 zu verdrängen"
Markus Henkel
Ende Juli trifft sich die Moving Picture Experts Group (MPEG) in Deutschland, um sich über die neuen technischen Errungenschaften im Video- und Audiobereich auszutauschen. Ein Grund mehr Bernhard Grill, einen der drei MP3-Erfinder, zu einem netzwelt-Interview einzuladen. Der Wissenschaftler spricht über die Vorteile des MP3-Formats, über das neue MT9-Format, den eigenen Musikgeschmack und wagt einen Blick in die Zukunft.
netzwelt: Herr Grill, Sie haben einen Musikwunsch frei - welches Lied müssten wir im Hintergrund dieses Interviews abspielen. Oder welche Musikrichtung bevorzugen Sie?
Bernhard Grill: Ich bin ja leidenschaftlicher Jazz-, Funk-, Soul-Liebhaber. Auch weil ich früher selbst in einer Big Band spielen durfte. Also aus diesen drei Richtungen müsste der Song schon kommen.

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MP3-Miterfinder Bernhard Grill
netzwelt: Stört es Sie, wenn Kompressionsverfahren wie MP3 Teile der Musik einfach wegschneiden?
Bernhard Grill: Das ist ein zweischneidiges Thema. High-End-Liebhaber sorgen sich immer über die Qualität. Die meisten wissen aber nicht, dass bei allen derzeit und früher verbreiteten Tonträgern immer von der Qualität etwas weggeschnitten wird. Bestes Beispiel dafür ist der Dynamik-Umfang, also der größte darstellbare Unterschied zwischen lauten und leisen Stellen in der Musik. In dieser Hinsicht hat die in High-End-Kreisen sehr beliebte Schallplatte, gegenüber dem MP3-Format, unglaubliche Verluste hinzunehmen. Obwohl viele Liebhaber behaupten, die Platte hätte einen richtigen satten Klang. Dieser wurde aber, um in die Grenzen des Schallplattenformats zu passen, eventuell relativ stark gegenüber dem Original abgeändert.
netzwelt: Ein ideales Audioformat wäre demnach eines, was keinen Unterschied zum Original aufweist. Wäre solch ein Format technisch machbar?
Bernhard Grill: Man muss überlegen, was das Original ist. Sie bekommen, wie schon erwähnt, nie das Original wieder. Früher hatte man Riesenspulen, die eine halbe Stunde aufnehmen konnten. Das war zu analogen Zeiten das Beste vom Besten. Der Dynamik-Umfang war aber auch hier sehr schlecht. Heute, bei Digitalaufnahmen, sind diese Verluste nicht mehr wahrzunehmen. Wenn im Studio aufgenommen und professionelle Technik verwendet wird, ist ein Unterschied zum Original nicht mehr zu hören.
netzwelt: Haben Sie der Musikindustrie gegenüber ein schlechtes Gewissen? Ein ganz kleines bisschen? Immerhin nennt diese "MP3" als Hauptgrund für enorme Umsatzeinbrüche.
Bernhard Grill: Das ist eine sehr bequeme Ausrede. Es kann das MP3-Format nicht alleine Schuld sein, dass es der Musikindustrie schlecht geht. Die Compact-Disc ist einfach alt und wurde in den etwa 30 Jahren, in denen es sie gibt, nicht verändert. Heute gibt es neben der CD viele weitere elektronische Medien wie z.B. die DVD und Blu-ray Disc (BD) und PC-Spiele. Das für die Konsumenten verfügbare Geld verteilt sich einfach heute auf Musik, Video und Computerspiele, so dass für Musik einfach weniger übrig bleibt. Die Musikindustrie müsste vielmehr die Chancen nutzen, die sich durch die Musikverkauf über legale Internetportale erschließen, anstatt - wie viele Jahre geschehen - Musik über das Internet zu verteufeln oder durch Verbraucher-unfeundliche Kopierschutzmechanismen unattraktiv zu machen. Illegale Tauschbörsen haben wir übrigens immer abgelehnt. Ich habe meine mp3s immer von meinen vielen hundert Schallplatten und CDs erzeugt. Es ist einfach ein Unterschied zwischen einer privaten Kopie (wenn Sie denn in dem betroffenen Land erlaubt ist) und öffentlich im Netz zugänglich gemachten Inhalten.
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